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14. Mai 2012 / NasiChaim

Ariel Muzicant tritt als IKG-Präsident ab. Ein Gespräch über die FPÖ und die Notwendigkeit der Zuwanderung von Juden nach Österreich.

Jörg Haider, Landeshauptmann von Kärnten / Gov...

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Ariel Muzicant – „Ein Cordon Sanitaire gegen die Freiheitlichen“

Ariel Muzicant tritt als IKG-Präsident ab. Ein Gespräch über die FPÖ und die Notwendigkeit der Zuwanderung von Juden nach Österreich.

Nach 14 Jahren geben Sie die Präsidentschaft der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ab. Sind Sie erleichtert?
BK Wolfgang Schüssel, Tag des Sports 2006, Hel...

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Ariel Muzicant: Nein. Ich tue, was ich mir vorgenommen habe. Ich höre zum 60er auf, schlage einen Nachfolger vor und helfe ihm bei der Übergabe.

Ich mache es nicht wie andere Politiker, die man aus ihrem Amt trägt oder hinauswählt.

Ist Ihr Amt das eines Politikers?

Muzicant: Ja. Die Kultusgemeinde kennt ein religiöses Oberhaupt, den Oberrabbiner. Und ein säkulares Oberhaupt, der natürlich ein Politiker sein muss. Weil er muß schon alleine in einer Jüdischen Gemeinde eine Unmenge an Strömungen zusammenhalten.

Ihre Gemeinde hat keine 10.000 Mitglieder …

Muzicant: 8.000.

Dennoch sprechen sie von einer Unzahl von Strömungen. Gibt es DAS Judentum in Österreich?

Muzicant: Ja sicher. Aber DAS Judentum gibt es nicht. Es gibt EIN Judentum.

Zwei Juden haben in der Regel drei Meinungen, was ihr Judentum ist.

Der eine fühlt sich in einer Religionsgemeinschaft, der andere in einem Volk, der dritte ist der Kultur und der Tradition verbunden.

Ariel Muzicant 2010

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Und als was sieht sich der Jude und Präsident Ariel Muzicant in Österreich? Ist der jemand, der seine Gemeinde fast 70 Jahre nach dem Holocaust noch immer verteidigen muß – oder gibt es Normalität?

Muzicant: Er muß sie heute viel weniger verteidigen als vor 42 Jahren, als er begonnen hat, in dieser Gemeinde politisch aktiv zu sein.

Vor 42 Jahren bin ich auf die Uni gegangen, mußte mich dort mit Nazis herumprügeln und der Innenminister hat mir erklärt, warum das in Ordnung sei.

Jetzt prügeln Sie sich verbal mit „Kellernazis“, wie Sie manche Freiheitliche nennen.

Muzicant: Die Nazis, mit denen ich mich damals geprügelt habe, haben sich offen zum Nazismus bekannt.

Die Innenministerin heute bekämpft den Neonazismus und alles, was mit der Holocaustlüge zu tun hat, und die Herrschaften wandern reihenweise ins Gefängnis.

Die Zivilgesellschaft und die gegen Rechts- und Linksextremismus positionierten Teile der Gesellschaft sind dramatisch gewachsen. Es gab vor den 80er-Jahren keine Zivilgesellschaft.

Und heute würde ich sagen, ein Drittel der Bevölkerung ist vielleicht noch irgendwo antisemitisch.

Fünf bis zehn Prozent sind vielleicht deklariert antisemitisch, aber mindestens ein Drittel will mit diesen Leuten nichts zu tun haben und bekämpft sie.

Früher waren zwei Drittel antisemitisch.

Wenn Sie mich fragen, ob ich jetzt gerne hier lebe, ja! Ich gehe gerne zum Opernball, ich gehe zum Rapidmatch, ich schaue die Schirennen im Fernsehen, ich gehe ins Kaffeehaus, ich gehe gerne ins Burgtheater.

Habe ich Probleme mit manchen Erscheinungen in diesem Land? Ja, und die bekämpfe ich. Ich interessiere mich für viele politische und gesellschaftliche Phänomene in diesem Land und ich melde mich dort zu Wort, wo ich meine, etwas beitragen zu können.

Politiker Jörg Haider, Fasching (=Karneval) Fe...

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Warum dann immer die Auseinandersetzung mit der FPÖ?

Muzicant: Ich habe genauso eine Abscheu vor den Linksextremen wie vor den Rechtsextremen. Der Unterschied ist nur, dass Rechtsextreme geschichtlich in diesem Land mehr angerichtet haben als Linksextreme.

Und aktuell?

Muzicant: Ich habe Sorge, dass solche Typen in Regierungsverantwortung kommen könnten. Das ist viel viel schlimmer als Schwarz-Blau. Das lässt sich nicht einmal in einem Atemzug sagen mit diesen Herrschaften, die als FPÖ-Minister tätig waren. Das sind Leute, die in ihrer Sozialisierung und in ihrer ideologischen Gesinnung, auch wenn sie nett brav aufpassen, nicht gegen das Verbotsgesetz zu verstoßen, in dieses rechtsextreme Lager gehören.

Warum dürfen diese „Leute“ dann in Umfragen mit bis zu 40 Prozent Zustimmung rechnen? Was ist da passiert?

Muzicant: Daß der Jude Bruno Kreisky und Wolfgang Schüssel und viele viele andere alle Tabus und alle Schwellen weggeräumt haben und daß in Österreich heute niemand mehr etwas daran findet, solche Leute in Funktionen zu wählen. Die Funktionärsschicht besteht zu 50 Prozent aus solchen Typen. Die Wähler bestehen zu 95 Prozent nicht aus solchen Menschen. Ein FPÖ-Wähler ist a priori ist kein Nazi. Die große Mehrheit wählt die FPÖ aus Frustration und Angst.

Panorama - St. Jakobs Platz

Panorama – St. Jakobs Platz (Photo credit: digital cat )

Was kann dagegen getan werden?

Muzicant: Warum gibt es das in Deutschland das nicht? Warum gibt es in Frankreich zwar eine rechtsextreme Partei, aber es gibt so etwas wie einen Cordon Sanitaire. Das heißt eine Vereinbarung aller anderen Kräfte, mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

Warum gibt es das in Belgien?

Warum gibt es in Österreich keine andere Protestpartei, die diese Stimmen bekommt? Ich kann nur dagegen halten, indem ich der FPÖ immer wieder aufzeige, wer die Funktionäre dieser Partei sind und hoffe, dass das den einen oder anderen zum nachdenken bringt. Aber ehrlich gestanden – es geht mir auf die Nerven. Wenn ich über eine Sache froh bin, dann ist es, dass ich nach dem 21. Februar mich nicht mehr zu diesen Dingen exponieren muss, sondern dass das ein anderer tun muss.

Was würden Sie sich wünschen, daß von Ihren 14 Jahren an der Spitze der IKG in Erinnerung bleibt?

Ariel Muzicant - der Judenchef von Wien, Meister vom Stuhl der jüdischen Bnai Brith-Sexorgiengesellschaft vom geschächteten Simon Unverdorben und Hofjude der Schlawiener

Ariel Muzicant – der Judenchef von Wien, Meister vom Stuhl der jüdischen Bnai Brith-Sexorgiengesellschaft vom geschächteten Simon Unverdorben und Hofjude der Schlawiener

Muzicant: Wenn ich besonders schlecht gelaunt bin, fahre ich in den jüdischen Kindergarten und schaue mir dort die 126 Kinder an. Als ich kleine Kinder hatte, hat mich der Präsident der Kultusgemeinde mit den Worten empfangen, Herr Muzicant, wozu brauchen Sie einen jüdischen Kindergarten? In der Einstellung, wie wir mit unserer Zukunft umgehen, hat sich dramatisch etwas geändert. Wir sind draufgekommen, daß wir ein soziales Netz brauchen. Heute haben wir ein soziales Netz, das jeden in der Gemeinde und außerhalb versorgt. Wir verlieren keinen.

Unser soziales Netz ist heute fast perfekt.

Dann gibt es Bereiche, wo man arbeiten muß, die Kultur, die Friedhöfe. Aber es wird immer besser. Und ich schaue mir die nächste Generationen an und ich freue mich.

Eines ihrer Leitthemen war immer die jüdische Zuwanderung. Könnte die Gemeinde ohne diese Zuwanderung überleben?

Muzicant: Nein.

Wenn Sie die 38 jüdischen Gemeinden, die es heute in Europa gibt, anschauen, können Sie davon ausgehen, daß es in 20 Jahren die Hälfte dieser Gemeinden nicht mehr geben wird.

Es wird Länder und Staaten und Städte geben, wo Juden leben werden. Aber es wird keine jüdischen Gemeinden mehr geben. Malmö, Stockholm, Kopenhagen, Mailand, Bratislava – sie sind eigentlich zum Scheitern verurteilt.

Wien war es vor meiner Zeit auch. Wir haben jetzt 8.000 Mitglieder, weil wir etwas getan haben. Die Juden wandern, das war auch vor dem Krieg und der Shoah so. Sie suchen einen Partner, sie gehen studieren, sie machen einen Job. Sie wandern. Und sie wandern aus. In Österreich wandern 70 bis 120 Juden aus. Keine ein. Und die Kultusgemeinde wächst dennoch jedes Jahr um 200 Mitglieder.

Wie ist das möglich?

Muzicant: Es lassen sich Leute neu registrieren, die hier gelebt haben, aber nicht angemeldet waren. 41 Prozent der heutigen Mitglieder der Kultusgemeinde sind erst in meiner Präsidentschaft Mitglieder geworden.

Wie viele waren davon Zuwanderer?

Muzicant: Es gab ja keine Zuwanderung.

Jörg Haider hat es zuwege gebracht, daß es ab 1991 keine Zuwanderung mehr gab.

Nur mehr Familienzusammenführung – und das war minimal.

Erwarten Sie hier mit der neuen Rot-weiß-rot-Karte eine Änderung?

Muzicant: Jetzt beginnen Zuwanderungen, klein, weil wir es organisieren müssen. Wir haben zum Beispiel eine Zuwanderung aus Deutschland, mit dem Argument, daß es hier ein jüdisches leben gibt.

Warum sollte ein Jude nach Wien kommen?

Muzicant: Es gibt hier jüdisches Leben in jeder Form. Du kannst in Wien ein Kulturjude sein. Oder du kommst und sagst, ich möchte ein religiöses Leben, wo ich meine Kinder in eine jüdische Schule schicken kann, wo ich koschere Produkte kaufen kann, wo ich koscher essen kann, wo ich 15 Rabbiner habe, die mich betreuen.

Und was ist der Mehrwert etwa für die Stadt Wien?

Muzicant: Ich hole nur Leute nach Österreich, wenn sie zwei Kriterien erfüllen.

Sie müssen Juden sein und sie müssen sich in die österreichische Gesellschaft sofort integrieren. Das heißt, sie müssen einen Job haben.

Und sie müssen bereit sein, in diesem Job innerhalb kürzester Zeit etwas zu leisten und sich selbst zu ernähren und Steuern zu zahlen. Wir haben eine Liste erstellt, welche Berufe in Österreich fehlen.

Wir werden also keine Hilfsarbeiter nach Österreich einladen, oder keine Bauarbeiter, weil die werden keinen Job kriegen.

Und sie helfen den Leuten dabei?

Muzicant: Wir helfen den Leuten, deutsch zu lernen, österreichisch zu lernen, zu verstehen, was das heißt, in Österreich zu leben. Das ist Geschichte, Kultur, das sind Gesetze. Das ist aber auch der Umgang miteinander.

Ist diese Zuwanderung in Zahlen meßbar?

Muzicant: Es geht langsam.

10, 20, 30 Leite pro Jahr. Wir haben ja nicht die Mittel, nicht den Wohnraum. Wir dürfen keine Fehler machen.

Eines Ihrer Herzensanliegen war immer die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe…

Muzicant: Ich habe keine Angehörigen auf diesen Friedhöfen, ich habe keine persönliche Motivation. Mich fasziniert an den Friedhöfen, daß sie der letzte Rest einer ausgestorbenen, vergangenen Kultur sind, und zwar nicht nur einer jüdischen Kultur, sondern einer österreichisch-jüdischen Kultur. Dieses Kulturgut verkommen zu lassen, halte ich für eine moralische, eine politische, eine kunsthistorische Sünde, die man nicht begehen darf.

Wie steht es jetzt um die Erhaltung der Friedhöfe?

Muzicant: Ich würde sagen, das Glas ist schon mehr als halbvoll. Ich habe das Washingtoner Abkommen durchgesetzt, in dem sich die Republik zur Erhaltung der Friedhöfe verpflichtet. Wir haben ein Gesetz im Bund, für das ich Josef Pröll unendlich dankbar bin. Und in den nächsten tagen werden auch der Gemeinde- und der Städtebund sowie die Stadt Wien Pflegevereinbarungen unterzeichnen.

Wo gibt es in Tirol Probleme?

Muzicant: Westösterreich ist vorbildlich. Die haben nicht auf uns gewartet. Die haben immer schon ihre Friedhöfe gepflegt.

Die wirklichen Probleme gibt es in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland und ein bissel in der Steiermark.

Haben Sie zum Abschied noch Wünsche an die Regierung?

Muzicant: Wünsche wird es immer geben. Aber ich glaube, dass ich in diesen 14 Jahren viel erreicht habe. Ich habe die Historikerkommission vorgeschlagen, ich war derjenige, der sich mit der Regierung geprügelt hat, bis die Restitution dort war, wo ich sie hinhaben wollte. Ich habe immer gesagt, es wird niemand glücklich sein, es wird immer jemand sagen, es ist zu viel oder zu wenig – und genauso ist es gekommen. Ich bin Andreas Khol, Heinz Fischer, Barbara Prammer und all den anderen dafür unendlich dankbar.

Sie lassen Schüssel aus, der in dieser Zeit Kanzler war.

Muzicant: Wenn Sie alles zusammen nehmen, was Schüssel gemacht hat, und was jetzt mit diesen ganzen Korruptionsgeschichten alles in die Binsen geht, dann wird die Restitution das einzige sein, was übrig bleibt. Und ich stehe nicht an, zu sagen, dass das eine Großtat war, die unter rot-schwarz nie passiert wäre.

Warum nicht?

Muzicant: Weil die immer gesagt hätten, der andere ist dagegen. Schüssel hat die Blauen in dem Punkt vergewaltigt und das durchgezogen.

Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig.

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